Was du sagst – und was vielleicht wirklich dahinterliegt

Sultan Stier Veränderung

„Mir geht es gut.“ „Ich brauche niemanden.“ „Ich will einfach, dass alle zufrieden sind.“ „Ich muss das im Griff haben.“ „Ich kann einfach nicht abschalten.“ „Ich möchte niemanden belasten.“ Sätze, die wir im Alltag ganz selbstverständlich sagen. Doch manchmal lohnt es sich, nicht nur auf die Worte zu hören, sondern auf das, was darunter liegt. Denn unser Verhalten entsteht nicht im luftleeren Raum. Vieles von dem, was wir heute vielleicht als Teil unserer Persönlichkeit betrachten, war irgendwann eine sinnvolle Antwort auf das, was wir erlebt haben.

Wenn aus Erfahrungen Schutzmuster werden

Vielleicht hast du gelernt, dich klein zu machen, weil deine Bedürfnisse für andere zu viel waren. Vielleicht hast du gelernt, Stimmungen im Raum blitzschnell wahrzunehmen, weil es wichtig war zu wissen, wie es den anderen gerade geht. Vielleicht hast du gelernt, alles richtig machen zu wollen, weil Fehler sich früher nicht sicher angefühlt haben. Vielleicht sagst du heute „Ich brauche niemanden“, weil Nähe oder Abhängigkeit irgendwann mit Enttäuschung verbunden waren. Oder du sagst „Mir geht es gut“, während dein Körper längst angespannt ist, weil Funktionieren einmal leichter war, als zu zeigen, wie es dir wirklich geht.

Das bedeutet nicht, dass hinter jedem dieser Sätze automatisch ein Trauma steckt. Und es bedeutet auch nicht, dass wir unsere gesamte Vergangenheit analysieren müssen. Viel interessanter ist für mich eine andere Frage: Was passiert heute in dir?

Dein Körper erinnert sich

Was geschieht in deinem Körper, wenn jemand enttäuscht von dir ist, wenn du nicht weißt, wie etwas ausgeht, wenn du einen Fehler machst, wenn jemand dir sehr nahekommt, wenn du Nein sagen möchtest oder einmal nicht funktionierst? Vielleicht wird dein Atem flacher, dein Körper spannt sich an, du wirst unruhig, möchtest dich zurückziehen oder beginnst sofort nach einer Lösung zu suchen.

Genau dort können alte Schutzmuster sichtbar werden. Denn unser Nervensystem reagiert nicht nur auf das, was wir denken. Es reagiert auch auf das, was es im Laufe unseres Lebens als sicher oder unsicher kennengelernt hat. Eine Situation kann heute vollkommen anders sein – und trotzdem kann unser Körper zunächst mit einer alten Reaktion antworten.

Was dich einmal geschützt hat

Und genau deshalb finde ich einen Perspektivwechsel so wichtig: Was wir heute an uns bekämpfen, hat uns möglicherweise einmal geholfen.

Deine Kontrolle wollte vielleicht Sicherheit schaffen. Deine Anpassung wollte Zugehörigkeit erhalten. Deine Wachsamkeit wollte Gefahren früh erkennen. Dein Rückzug wollte dich vor Verletzung schützen. Dein Funktionieren wollte dich durch eine Zeit tragen, in der für deine Gefühle vielleicht wenig Raum war.

Es geht deshalb nicht darum, diese Anteile loszuwerden oder sie wieder als etwas „Falsches“ an uns zu betrachten. Es geht darum, sie wahrzunehmen und immer feiner unterscheiden zu lernen: Ist das, was gerade geschieht, wirklich heute? Oder reagiert etwas in mir noch auf Erfahrungen von damals?

Unser Leben kann sich längst verändert haben, während unser Körper noch mit etwas rechnet, das er einmal erfahren hat.

Veränderung braucht neue Erfahrungen

…Veränderung beginnt für mich deshalb nicht mit dem Satz: „Ich darf nicht mehr so sein.“ Sie beginnt auch nicht allein damit, dass wir verstehen, woher ein Muster kommt. Denn etwas im Kopf zu erkennen und etwas im eigenen Körper wirklich neu zu erfahren, sind zwei verschiedene Dinge.

Ich darf Nein sagen und trotzdem verbunden bleiben. Ich darf einen Fehler machen und bin trotzdem sicher. Ich darf traurig sein, ohne jemanden beruhigen zu müssen. Ich darf Nähe zulassen und gleichzeitig bei mir bleiben. Ich darf etwas nicht wissen. Ich muss nicht alles kontrollieren. Und ich muss nicht immer funktionieren.

Je öfter unser System solche Erfahrungen tatsächlich macht – nicht nur im Kopf versteht -, desto mehr kann sich auch unser inneres Erleben verändern.

Vielleicht entsteht dann irgendwann zwischen einem Reiz und unserer gewohnten Reaktion ein kleiner Raum. Ein Moment, in dem wir wahrnehmen können: Da ist mein altes Muster. Aber ich muss ihm heute nicht mehr automatisch folgen.

Was dich einmal geschützt hat, muss nicht für immer bestimmen, wie du heute lebst.

Vielleicht beginnt Veränderung deshalb manchmal mit einer ganz einfachen Frage:

Brauche ich diesen Schutz heute noch – oder darf ich langsam erfahren, dass es auch anders geht?

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